Dienstag, 1. November 2011

für Nora und ihre Töchter

die Waschung

ein Schlaganfall Schlaganfall Schlaganfall sie sieht nichts mehr sieht nichts mehr sieht nichts mehr wir müssen ein Pflegeheim suchen Pflegeheim suchen Pflegeheim suchen das kommt nicht in Frage nicht in Frage nicht in Frage das könnt ihr nicht machen nicht machen nicht machen ich hol sie nach Hause nach Hause nach Hause wie stellst du dir das vor das vor das vor wir können dir nicht helfen nicht helfen nicht helfen
warum habt ihr mich im Stich gelassen

acht Arme

ich weiß nicht ich mein vielleicht hast du recht auf der anderen Seite die Ärzte werden schon wissen was sie tun ich weiß nicht es sind doch sicher nicht alle Heime schlecht ich mein unsere Schwester meint ich könnte ja sowieso maximal am Wochenende ich mein ich hab keine Ahnung das kannst nur du entscheiden du lebst mit ihr du müßtest ich ich hab keine Ahnung wie das ich weiß nicht ich mein natürlich ist sie auch meine Mutter und ich hab sie lieb aber jemanden zu Hause ich mein das ist schon eine Aufgabe also ehrlich ich trau mir das nicht abgesehen davon daß ich ja auch noch andere Verpflichtungen ich mein noch arbeite ich ja und mein Mann und die Kinder ja die sind schon aus dem Haus aber also ich mein ich weiß nicht ich kann das nicht entscheiden aber wenn du meinst ich mein irgendwie wird es schon gehen irgendwie schaffen wir ich mein du wirst das schon machen und sicher hat sie es schöner wenn sie zu Hause aber ich weiß nicht ich muß das erst mit meinem Mann ich mein vielleicht weiß er ja ich mein wenn doch der Papa noch da wär

acht Arme die deinen Körper umarmen acht Arme

dank dir Mama darf sie zu Hause sterben Jahre geht das das Sterben und ich deine Tochter die Enkelin und deine zwei Schwestern die Töchter wir wir sind dankbar unter anderem dankbar daß der Mensch den wir alle lieben nicht in ein Pflegeheim muß dankbar weil alles was wir über Pflegeheime erfahren was wir am Rande von Bekannten über alte Menschen in Pflegeheimen erzählt bekommen was wir selbst bei Besuchen von alten Menschen im Pflegeheim erleben unseren Vorstellungen von einem würdevollen Abgang widerspricht und das wollen wir doch alle in Würde sterben in vertrauter Umgebung im Kreise der Familie sie weiter in den Alltag den Familienalltag einbinden das wollen wir bis zum Ende

acht Arme die deinen Körper umarmen diesen zerbrechlichen Körper umarmen acht Hände

aber wie sehr verändert sich dieser Alltag Familienalltag wie sehr diese vertraute Umgebung wie sehr dies alles dich Mama je länger es dauert desto mehr bekommen wir das Gefühl du stirbst mit am Ende wirst du am Leben sein aber gestorben am Leben aber nicht mehr im Leben ein hoher Preis doch wo wo ist der Mittelweg vielleicht gibt es den gar nicht nie so wie es den leichten Weg nie gegeben hat in unserer Familie und vielleicht ist dieser Weg der gemeinsame ja der einzig mögliche einzig existente ist das so wie oft höre ich dich sagen auf die Aufforderung du mögest an dich denken du mögest dein eigenes Leben nicht vergessen daß genau das dein Leben ist daß alles andere dich mehr umbringen würde als die Aufopferung die für dich keine Aufopferung bedeutet sondern Lebensinhalt bis zum Ende welches Ende endet es irgendwann

acht Hände die dir die Augen schließen acht Hände

hilf deiner armen alten Mutter hilf deinem armen alten Kind ich flehe verzweifelt um Hilfe und Barmherzigkeit was soll ich tun aber irgendetwas müssen wir doch tun muß ich denn wirklich nichts machen wie kann ich dir helfen Mama Muttilein wo bist du hörst du mich denn nicht hör dein armes altes Kind du tust mir weh du hast mir immer nur weh getan das ist kein guter Gott das ist kein gerechter Gott das ist kein barmherziger Gott Vater unser im Himmel mein Franzerl komm und hilf uns ich kann doch nicht einfach so sinnlos hier herumsitzen ich kann doch nicht hier sitzen bleiben ich muß doch aufstehen aber das kann ich doch selber hilfst du mir aufstehen aber ich stehe doch jeden Tag auf müssen wir auch etwas einkaufen hilfst du mir das eintippen aber ich muß doch etwas eintippen die haben aber gesagt ich muß etwas eintippen Hilfe was kann ich helfen ich bin schon froh wenn wir alle wieder zu Hause sind lüg mich nicht an du lügst du hast immer gelogen aber ich erkenne gar nichts ich möchte so gern alle noch einmal sehen wer bist du ich kenn dich nicht ich hab dich noch nie gesehen das esse ich nicht du gibst mir Gift gib mir lieber Gift anstelle von diesem gesunden Zeug was machen die Kinder sind die Kinder schon wach immer läßt sie mich allein ich liebe dich ich liebe dich von ganzem heißem Herzen Toni Limoni Pomeranschen gugu nomine tangere circulos meos sie ist böse auf mich ich habe ihre Kreise gestört wir werden etwas falsch machen wir machen immer alles falsch ich habe Angst vorm Sterben vorm Leben ich sterbe jetzt ich sterbe jetzt ich sterbe jetzt ich sterbe jetzt jetzt sterb ich wirklich ich bin sterbensmüde Hilfe ich fall um aber ich spür’s doch jetzt fall ich gleich um Hilfe Hilfe ich schreie um Hilfe ich zeig dich an Hilfe du perverses Schwein du Hilfe greif mich nicht an mit deinen dreckigen Fingern dich hab ich nicht gerufen ich hab doch wen anderen gerufen damit du schlafen kannst gegrüßet seist du Königin Mutter der Barmherzigkeit unser Leben unsere Süßigkeit und unsere Hoffnung zu dir seufzen wir trauernd und weinend in diesem Tal der Tränen Hilfe hilf mir hilf mir leben

acht Hände die dir die Augen schließen diese wasserblauen Augen schließen vier Münder

zugegen sein ich bin zugegen sitze neben dir wie die Jahre zuvor immer wieder sitze immer wieder seit Jahren neben deiner zum Pflegebett umfunktionierten Bettbank und beobachte dich sehe wie deine Augen suchend durch den Raum wandern bemerke die Anstrengung in deinem Gesicht irgendetwas irgenjemand zu erkennen wissend daß um dich nur ein mit verwirrenden Geräuschen gefülltes Dunkel ist Stimmen die von außen in die Wohnung an dein Ohr dringen Automotoren Hundegebell Kinderlachen liege ich denn auf der Straße nicht mehr zuordenbar weil dein Raum sich verengt hat auf fünf Quadratmeter Leben erlebbar nur durch sensorische und akustische Wahrnehmung fünf vertraute Quadratmeter immer wieder fremd durch gesichtslose Stimmen die einbrechen in dein Körpergefängnis wer spricht da bist du ein Geist ich sehe dein Gesicht nicht du bist stark dein Leben lang warst du stark hast angekämpft gegen die Behinderung hast dich achtzig Jahre lang den Widrigkeiten trotzend auf deine Selbständigkeit beharrend durchs Leben geschleppt nicht deine Beine haben dich du hast deine Beine getragen und auf deinen Schultern in deinem Herzen uns deine Kinder deine Enkel mitsamt ihren zentnerschweren Sorgen und Schmerzen als hättest du keine eigenen wie kann ich helfen ich möchte dir so gern helfen ich sitze neben dir und halte deine Hand die die noch immer den zum Körperteil gewordenen Stock zu umklammern scheint als würde sie sich ans Leben klammern die die seit den finsteren Tagen den Daumen hält als würde sie beten die an der ich manchmal deine Wut und deinen Zorn sehe über die Hilflosigkeit die die früher als du klein warst ein altes Stück Brot umklammert hielt weil du Angst hattest im Schlaf zu verhungern die die mir zärtlich über den Kopf strich wenn ich traurig war die mir meine Tränen wegwischte mit einem wissenden Lächeln die mir Halt gab und Zuversicht in trüben haltlosen Tagen und ich wünschte ich könnte dir Zuversicht geben und Halt könnte dir deine Angst nehmen vor dem Rest Leben das dir noch bleibt vor dem letzten Weg den du alleine gehen mußt er hat gesagt ich darf erst in den Himmel wenn ich dorthin gehen kann weißt du daß ich einen Traum hatte von deinem Begräbnis du lagst im offenen Sarg und ich war noch sehr klein vielleicht im Volksschulalter und ich beugte mich zu dir um dich zum Abschied zu küssen und sah daß man vergessen hatte deine Stöcke in den Sarg zu legen ohne die du dich doch nicht bewegen konntest und ich bat verzweifelt man möge sie dir doch mitgeben damit du in den Himmel kommst und im Himmel gehen kannst und die Erwachsenen sahen mich kopfschüttelnd an auf welch seltsame Gedanken das Kind doch kam du hättest mich verstanden

vier Münder die dich küssen auf Stirn Wangen und Mund diesen sanften Mund küssen der nun für immer verschlossen bleibt acht Hände

acht Hände die ins Wasser tauchen

ich war am See das Haus ausräumen unser Haus dein Haus hat dir niemand erzählt daß wir es verloren haben so wie wir dich verlieren Tag für Tag seit Jahren über fünfzig Jahre hast du dort deine Sommer verbracht mit deinem Franzerl deinen Kindern deinen Enkeln fünfzig Jahre an Erinnerungen in jedem Zimmer deine Handschrift dein Geruch du sorgfältig verpackt in Kisten meine Kindheit dein Leben zwischen meinen Händen zerbröselnd wie die getrocknete Blume zwischen deinen Büchern wie dein Körper vor unseren Augen wie das Haus unter unseren Füßen nein es hat dir niemand erzählt auch ich nicht niemand hätte das geschafft du hattest bereits Abschied genommen vor fünf Jahren als du das letzte Mal draußen warst am See und du wußtest daß es dein letztes Mal sein würde ich konnte es an deinem Blick sehen als du beim Abendessen auf der Terrasse ein letztes Mal den Sonnenuntergang hinter den Birken am See betrachtet hast und zum ersten Mal in meinem Leben sah ich über deinem lachenden Mund Traurigkeit in deinen Augen sah den Anflug von Resignation und dein dir abhanden gekommener Trotz dein starker Überlebenswille deine Kampfbereitschaft gingen unkontrolliert auf mich über setzten sich in mir fest doch wofür oder wogegen sollte ich kämpfen gegen meine Verlustängste gegen den drohenden Zerfall unserer Familie gegen das dich Verlieren gegen das mich in all der Wirrnis Verlieren und ich schlug sinnlos um mich gegen alles und jeden rannte mich trotzend gegen alles und jeden stellend rastlos kopflos los ins Ungewisse bis dein endgültiger körperlicher Zusammenbruch mich herausriß und mich wachrüttelte

acht Hände die ins Wasser tauchen dieses geweihte Wasser tauchen acht Hände

meine Hände gleiten durch das Wasser tragen meinen Körper weiter auf dem Rücken lasse ich mich treiben den Blick zum Himmel gerichtet eine Ewigkeit das Wasser umspült mich wie eine Umarmung mein Blick versinkt im hellen Blau des Himmels dem wässerigen Blau deiner Augen Großmutti und wieder wieder spüre ich dich spüre deinen Körper unterhalb von meinem wie damals als Kind meine Arme fest um deinen Hals geschlungen während du Großmutti mit kräftigen Armzügen hinausschwimmst mit mir meine kleinen paddelnden Beine ersetzen deine leblos treibenden und doch bist du diejenige die mich trägt weit und weiter hinaus auf den See hinaus mitten hinein ins Leben und die Erinnerung treibt mir die Tränen aus den Augen salzig rinnen sie ins süße Wasser übergeben meine Traurigkeit dem See der sie bereitwillig aufnimmt fortträgt und wild schlagen meine Beine in das Wasser kraulen meine Arme weit hinaus immer weiter bis mir der Atem wegbleibt und das Herz schwer wird so schwer als könnte es mich hinunterziehen an den Grund sinken wie ein Stein und wieder heftet sich mein Blick ans lichte Blau hält sich und mich fest am Himmel und du trägst mich zurück Großmutti zurück ans Ufer zurück ins Leben schwemmst du mich wie damals als ich ein Kind war und erschöpft und leer sinke ich nieder bleibe schnaufend auf der Pritsche liegen spüre das sonnenwarme Holz auf meinem Bauch höre das Blut rauschen in meinen Ohren sehe die Sonnenreflexe tanzen innen auf den geschlossenen Lidern atme Sommer rieche Kindheit spüre Liebe schwere Liebe die sich wie ein Bleimantel um meinen Körper legt mich niederdrückt und du Großmutti überall du wohin ich sehe ich werde in nächster Zeit nicht mehr an den See fahren

acht Hände die deinen Körper waschen diesen unperfekten Körper waschen ein letztes Mal

erstarrt standen wir um dich als du dich im Krankenhaus zwei Tage lang geweigert hast deine Augen zu öffnen wie ein störrisches Kind und ich dachte du möchtest nicht sehen wo du bist und wenn ich’s nicht sehe ist’s nicht wahr dabei war kein Unterschied zwischen Augen offen oder zu du versankst in bilderlose Dunkelheit mit einem Schlag und solange deine Augen geschlossen waren konntest du dir und uns einreden daß du sehen kannst wenn du nur willst und so trauten wir den Ärzten nicht und deinen Augen schon und mit geschlossenen Augen batest du uns um ein Buch das du in beide Hände aufgeschlagen nahmst und sich langsam öffnend wanderten die blauen Augen während wir hofften und dein Gesicht versteinerte von links nach rechts von oben nach unten über eine ganze Seite eine bange Ewigkeit bis deine Hände langsam auf die Decke sanken und dein tränenloser Blick verriet alles und dein Mund verlor kein Wort

ein letztes Mal durch dein Haar bürsten dieses weiße Engelshaar bürsten ein letztes Mal

ab diesem Moment hast du deine Bücher eingetauscht ab diesem Moment ging dir die Zeit verloren ab diesem Moment verwischte sich die Grenze zwischen Tag und Traum

ein letztes Mal deine zwei Hände nehmen diese unermüdlichen Hände nehmen Abschied nehmen zum endgültig letzten Mal

ab diesem Moment war dein Buch zu Ende geschrieben ab dem Moment hast du es aus deiner Hand gelegt und zugeklappt

ich sitze neben dir und lese vor während ich dich beobachte wie du zwischen deinen Bücherbergen liegst wie aufgebahrt den Blick ins Innere gekehrt und ich weiß nicht versinkst du in der Geschichte oder in einem deiner Tagträume befindest du dich im Heute oder im Gestern ich sitze neben dir und halte deine Hand du liegst neben mir und hältst meine Hand wir beide uns haltend reduziert auf das einzige woran zu glauben und zu halten uns noch bleibt ich liebe dich von ganzem heißem Herzen ja ich spür’s ich spür’s ja wirklich

zum endgültig letzten Mal deine Hände falten diese schwertragenden Hände falten für immer
du bist gegangen nicht schnellen Schrittes bist du gegangen das Ziel scheinbar vor Augen wie deine Eltern langsam bist du gegangen in dem dir eigenen Tempo wie im Leben als wolltest du ein letztes Mal sagen lauft nur vor ich komme nach und langsam bist du gestorben jahrelang täglich ich sterbe jetzt täglich und täglich ein bißchen mehr sterben und leben zugleich zwei Worte für eine Tätigkeit als ob beides das Gleiche wär und vielleicht ist es so daß wir sterben von Geburt an denn wo sonst fängt Sterben an wenn nicht am Anfang und endet wenn das Leben endet also mit dem der Leben nimmt du hast gelebt du bist gestorben ich bin bin Frau bin fünfunddreißig bin Tochter bin deine Enkelin bin am Leben bin neben dir mit dir begleite dich lebe sterbe mit dir und bin doch nicht gestorben bin ohne dich bin vorgelaufen bin zurückgekehrt bin neben dir gegangen und zurück geblieben hinterblieben zum ersten Mal in meinem Leben bin ich hinter dir geblieben du bist vorgegangen du bist fortgegangen bist gegangen vergangen Vergangenheit Konstrukt des Erinnerns in der Gegenwart erinnerte Vergangenheit ist Gegenwart du bist vergangen bist eingegangen in meine Erinnerung meine Vergangenheit meine Gegenwart ist voll mit dir dein Körper diese leere Hülle ohne dich und doch du gestreichelt von acht Händen gewaschen und gesalbt von acht Händen acht Hände die zum letzten Mal

du bist tot


Nora 1922-2007

Dania Horky, 2007

(Unter den ersten 20 beim fm4 wortlaut07; veröffentlicht in der Anthologie: Berührungen - Hertha Kräftner zum 80. Geburtstag. Hrsg. von Katharina Tiwald. edition lex liszt 12. 2008.)

Kommentare:

  1. Welch bewegender Text…ich bin sprachlos…
    Liefs,
    Maren

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  2. Sorry aber den Text verstehen ich nicht so ganz....hat bei dir in der Familie gemand einen Schlaganfall gehabt???Das ist ja Fuerchterlich....


    Sei lieb gegruesst von Conny

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  3. Diesen Text von dir kannte ich noch nicht und er hat mich sehr berührt. Zu nah ist noch das Erleben der Verzweiflung und der Wut meines Vaters über das Vergessen, über den Verlust der Kontrolle über seine Gedanken, seine Wahrnehmung, seinen Körper, über das ihn verlassende Augenlicht und Gehör. Es kostet so viel Kraft sie zu begleiten, aber es würde noch viel mehr kosten, es nicht zu tun. Wertvoll waren die letzten Monate in all dem Schmerz.

    Herzlich, Katja

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herzlichen dank für deine zeit und deine worte!